Der Katholizismus und ich
Um es gleich vorweg zu nehmen, dies wird weder ein Outing noch eine Lobhudelei oder ein Diss. Die katholische Kirche, das Christentum und ich, wir haben lediglich losen Kontakt. Kürzlich gab es wieder solch einen Kontakt und das ist der Anlass für diesen Text.
Meine Herzensdame und ich – wir machten seit vielen Jahren das erste Mal wieder Urlaub ohne unsere Kinder. Wir haben erst neulich realisiert, dass das wohl dieses "flügge werden" sein muss.
Wir sind jedenfalls u.a. in Freiburg gewesen. Und dort besuchten wir ein inklusives Café, in dem Menschen mit und ohne geistige und/oder körperliche Behinderungen zusammenarbeiten. Das von uns besuchte Café ist in der Trägerschaft der katholischen Kirche und eingebettet in das Ensemble von Kirchen und kirchlichen Gebäuden des Bistums Freiburg.

Während wir auf unsere Getränke warteten und die entspannte Atmosphäre im Raum genossen, fiel mir wieder ein, dass ich in den letzten Jahren immer wieder und von mal zu mal bewusster in katholischen Hotels genächtigt habe. Erbacher Hof in Mainz, Liborianum in Paderborn, Maternushaus in Köln … das sind nur die drei Häuser, die ich direkt erinnere.
Jedes Mal hab ich meine Aufenthalte (alle beruflich) in guter Erinnerung. Die Hotels sind klassisch geführt, trotzdem modern. Was heißt das? Klassisch meint, dort arbeiten noch an jeder Station Menschen. Man checkt noch mit Personal ein, beim Frühstück bekommt man auch gern vom Personal noch den Kaffee und man checkt auch wieder bei einem Menschen aus. Alles in einer Ruhe, die ich aus vielen anderen Hotels nicht mehr kenne. Modern sind hingegen die Häuser selbst. Neueste Technik, modernes Ambiente und attraktive, kleine aber sehr durchdachte Zimmer in gutem Zustand.
Nach jedem Aufenthalt fahre ich mit einem Quentchen mehr Ruhe weiter. Ich bilde mir ein, es ist diese Gelassenheit in den Häusern, die das Personal vielleicht durch den eigenen Glauben in sich trägt: Das war hier alles schon lange vor mir da und wird auch noch lange nach mir da sein, selbst wenn ich nicht mehr bin.
Diese Gelassenheit konnte ich auch schon an ganz anderer Stelle erleben. Dank meines Freundes Konsti, der in Berlin bei der katholischen Akademie als Referent tätig ist und sich in Sachen Kirchenbauforschung sehr engagiert, durfte ich meine erste eigene Kunstausstellung ausgerechnet in der Kirche "St. Thomas von Aquin" zeigen. Dabei lernte ich nicht nur, dass es einen katholischen Kunstseelsorger in Berlin gibt, sondern es begegnete mir im Laufe der Ausstellungsvorbereitung eine sehr erfrischende Kapitalismuskritik unter den Kirchenleuten. Ich bin Konsti noch heute sehr dankbar für diese Möglichkeit und die interessanten Gespräche.

Eigentlich bin ich als Atheist mit Ostberliner DDR-Sozialisierung in einer angehenden Bonzenfamilie aufgewachsen. Wir gingen nie in die Kirche. Meine Connection zur Kirche in Ostberlin?
Da war Bernhard, ein Junge in der ersten Klasse, den wir alle hänselten, weil er kein Pionier war. Denn Bernhard und seine Eltern waren in der Kirche. Er sollte kein Jungpionier mit blauem Halstuch werden. Und eines Tages, nach einem Ferienende kam Bernhard nicht mehr zurück in unsere Klasse. Seine Eltern hatten – dem Getuschel nach – einen Ausreiseantrag gestellt, der offenbar kurzfristig genehmigt worden war.
Meine zweite Connection zur Kirche waren die Glocken der evangelischen und katholischen Kirchen in unserem Ostberliner Stadtteil. Regel als Kind war: Wenn Kirchenglocken läuten, dann kommst Du nach Hause! Die Glocken läuteten meine gesamte Kindheit über immer um 18 Uhr.
Erst nach der Wende entwickelte sich für mich ein echtes Verhältnis zur Kirche. Da waren in meiner neuen Schulklasse am Gymnasium plötzlich Kids, die in der "Jungen Gemeinde" waren. Damals wurde bei mir das Bild der feierwütigen Protestanten geprägt. Denn wir waren schon das eine oder andere Mal mit unseren zarten 16, 17 Jahren bei ziemlich alkohollastigen Gelagen im Kirchenkeller der "Jungen Gemeinde".
Im Geschichtsunterricht nach der Wende und in verschiedenen Fernsehdokus lernte ich dann auch, welche wichtigen Rollen die Kirchen in der DDR insbesondere für die Bürgerrechtsbewegung, Ausreisewillige und den demokratischen Widerstand gespielt haben. Diese Erkenntnisse machten mich nicht spontan zum Christen, sie sorgten jedoch für einen gehörigen Bonus für die Kirchen in meinem Kopf.
Von 2001 bis 2003 lebte ich in Köln. Ganz banal lernte ich den Katholizismus als Arbeitnehmer schätzen. Denn wenn man vorher in Berlin und Brandenburg gearbeitet hatte, dann pries man in Köln schon deshalb den Herrn, weil es plötzlich sehr viel mehr Feiertage im katholisch geprägten Nordrhein-Westfalen gibt.
Etwas mehr als zehn Jahre nach der Wiedervereinigung lernte ich in Köln darüber hinaus, wie wichtig die Kirchen mit ihren Trägerschaften für Kitas, Schulen und Jugendclubs in den alten Bundesländern waren. Als Berliner kannte ich das nicht. Ich hatte nur Berührungspunkte mit Kitas, Schulen und Jugendclubs in städtischer Trägerschaft. Darüber hinaus verstand ich erst in Köln, wie wichtig auch Caritas und Diakonie sind. Es waren letztlich die vielen Gespräche mit westdeutschen Kolleg:innen, die mir aus ihrem Leben erzählten. Kirche und auch christlicher Glaube spielten da immer eine Rolle – mal eine kleinere, mal eine gewichtigere. Köln als Station hat noch mal den Bonus für die Kirchen deutlich erhöht.
Dieser Bonus war dann schnell aufgebraucht, als ich von den ersten und später immer wieder von den Missbrauchskandalen in beiden Kirchen und ihrer mangelnden Aufarbeitungsbereitschaft erfuhr.
Bis heute verstehe ich nicht, warum es insbesondere die katholische Kirche (aus meiner Perspektive) nicht schafft, hier offen und ehrlich damit umzugehen. Es ist doch längst bekannt, dass die Dimensionen in den Bistümern riesig sind. Es ist doch längst öffentlich, dass die Opfer sich missachtet fühlen. Es wäre also längst ein Einfaches, die Vergangenheit aufzuarbeiten und mit offenem Visier jede Möglichkeit der Präventionsarbeit zu nutzen und somit auch Abbitte zu leisten.
Und da komme ich an den Punkt zurück, bei dem ich in diesen Text eingestiegen bin. Ich habe im Kontext von katholischer Kirche im Hier und Jetzt immer wieder sehr positive Begegnungen gehabt, verstehe inzwischen die gesellschaftliche Tragweite von Religionen (positiv und negativ). Um so weniger verstehe ich diesen Starrsinn.
Denn Kirche scheint ja noch immer für sehr viele Menschen ein verbindendes Element zu sein. Das sind religiöse Tempel wohl immer und in jedem Land. Mit der Gewissheit, dass kirchliche Strukturen schon lange vor der aktuellen Zeit und auch noch lange danach ihre Wirkung hatten und haben werden, könnte man doch sehr gern dem nachgehen, was ich ja beim Besuch in Kirchen und katholischen Kirchenhotels erlebt habe: Relaxtheit ob der Zeitlosigkeit dessen, was ist.